Allgemeines zum Haar
Die Kopfbehaarung ist für das persönliche Erscheinungsbild von grosser Bedeutung. Die Kopfbehaarung setzt sich normalerweise aus 80.000 bis 120.000 Haaren zusammen. Dies sind Fasern von erstaunlicher Zugfestigkeit, die hauptsächlich aus speziellen Proteinen, den sogenannten Keratinen bestehen. Anatomisch lässt sich ein Haar als Faden aus zusammengeflochtenen und verhornten (biologisch: «keratinisierten») Zellen beschreiben. Der sichtbare Teil des Haares, der aus der Hautoberfläche herausragt, wird als Haarschaft bezeichnet – der von aussen nicht erkennbare, in der Haut verborgene Anteil ist die Haarwurzel. Im unteren Teil der Haarwurzel befinden sich spezielle Zellen, die Keratinozyten: Diese vermehren sich durch Zellteilung und bilden den später aus der Haut ragenden Haarschaft. Jede Haarwurzel ist eingebettet in eine Einstülpung innerhalb der Haut, dem Haarfollikel. Letzterer wird aufgrund seines komplizierten Aufbaus und der vielfältigen Funktionen (wie etwa physischen Schutz, Wärmeregulierung und sensorische Aktivität) als ein „Mini-Organ“ bezeichnet.
Das Kopfhaar erneuert sich ständig
Ein gesunder Haarfollikel produziert wiederholt und nacheinander jeweils ein neues Haar. Dies geschieht in einem wiederkehrenden Zyklus. Zunächst wächst im Laufe der 2- bis 6-jährigen Wachstumsphase (Anagenphase) das Haar etwa 1 cm pro Monat. Nachfolgend kommt es zu einer kurzen, 1- bis 2-wöchigen Übergangsphase (Katagenphase), der sich eine Ruhephase von 5 bis 6 Wochen anschliesst (Telogenphase). Die sogenannte Exogenphase, während der das Haar ausfällt, vollendet den Zyklus. Diese Phase wird mitunter der vorangehenden Telogenphase zugeordnet. Gesunde Haarfollikel verfügen über die aussergewöhnliche Eigenschaft, sich prinzipiell Zeit unseres Lebens regelmässig zu regenerieren.
Vermehrter Haarausfall und Haarlosigkeit
Finden sich beispielsweise nach dem Kämmen im Waschbecken ein paar ausgefallene Haare, ist dies noch kein Grund zur Beunruhigung: Ein Verlust von 70 bis 100 Kopfhaaren pro Tag ist bei gesunden Erwachsenen normal. Immerhin befindet sich die überwiegende Mehrheit (85 bis 95 %) der Kopfhaare in der Wachstumsphase, sodass die durchschnittliche Wachstumsgeschwindigkeit der neuen Haare und der natürliche Regenerationszyklus diesen Haarverlust ausgleichen. Allerdings können bestimmte Erkrankungen, medizinische Behandlungen (z.B. Chemotherapie oder Bestrahlung), ein höheres Lebensalter, sowie hormonelle und vererbte (genetische) Einflussfaktoren einen verstärkten Haarausfall auslösen. Ein krankhaft gesteigerter Haarausfall wird medizinisch als Effluvium bezeichnet. Ein Effluvium kann – muss aber nicht zwangsläufig – zu einer sichtbaren Haarlosigkeit, einer sogenannten „Alopezie“ führen.
Formen von Alopezie
Haarausfall kann unterschiedliche Ursachen haben und verschiedenartig ausgeprägt sein. Die drei häufigsten – aber längst nicht alle – Formen sind: erblich-hormonell bedingter Haarausfall (siehe separaten Textabschnitt), diffuser Haarausfall und kreisrunder Haarausfall. Typisch für die letztgenannte Variante von Haarausfall, medizinisch als Alopecia areata bezeichnet, ist eine unvermittelt auftretende Haarlosigkeit an einem Punkt oder mehreren Stellen der Kopfhaut. Die jeweilige kahle Stelle ist etwa münzgross, rund bis oval geformt und scharf gegenüber der behaarten Umgebung abgegrenzt. Die haarlosen Bereiche können sich mit der Zeit vergrössern und gegebenenfalls ineinander übergehen. Auslöser des kreisrunden Haarausfalls ist ein «irrtümlicher» Angriff des körpereigenen Immunsystems auf Haarfollikel in der Wachstumsphase (Autoimmunreaktion).
Im Gegensatz dazu findet der Haarverlust bei diffusem Haarausfall (Alopecia diffusa) – wie der Name schon andeutet – über die gesamte Kopfhaut verteilt statt: das Kopfhaar dünnt aus. Es gibt eine Reihe von Ursachen, die einem diffusen Haarausfall zugrunde liegen können: Eine verminderte Nährstoffaufnahme im Darm (sogenannte Resorptionsstörungen z.B. aufgrund chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen), Vitaminmangel, Eisenmangel, Blutarmut, Essstörungen und drastischer Gewichtsverlust. Als weitere Auslöser gelten entzündliche Kopfhauterkrankungen, Erkrankungen des Stoffwechsels (z.B. Diabetes, Funktionsstörungen der Schilddrüse), hormonelle Störungen, Tumorerkrankungen, Infektionen, psychische Probleme und Vergiftungen. Schliesslich können auch bestimmte Arzneimittel zu diffusem Haarausfall führen (z.B. Antikoagulanzien, Retinoide und Betablocker). Welche Ursache für den Haarverlust verantwortlich ist, sollte ärztlich untersucht werden.
Erblich-hormonell bedingter Haarausfall
Die häufigste Form des Haarverlusts stellt der erblich-hormonell bedingte Haarausfall dar, medizinisch auch als androgenetische Alopezie oder Alopecia androgenetica bezeichnet. Hiervon betroffen sind mindestens 80 % der Männer sowie 50 % der Frauen im Alter von 70 Jahren und die Rate der Betroffenen steigt mit der Zunahme des Lebensalters an. Allerdings ist erblich-hormonell bedingter Haarausfall keineswegs ein ausschliessliches Thema für Senioren: So sind bereits bei 40 % der 40-jährigen Männer Anzeichen dieser Form von Haarverlust erkennbar und je nach genetischer Veranlagung kann sich schon ab der Pubertät erblich-hormonell bedingter Haarausfall bemerkbar machen. Menschen europäischer Herkunft sind übrigens häufiger betroffen als solche mit asiatischer oder afrikanischer Abstammung.
Anzeichen von erblich-hormonell bedingtem Haarausfall
In den von erblich-hormonell bedingtem Haarausfall betroffenen Regionen der Kopfhaut verringert sich die Dichte der erkennbaren Haarschäfte – das Haar wird hier schütter und lichtet sich zunehmend. Mit der Zeit sind an diesen Stellen der Kopfhaut allenfalls kurze, dünne und graue Haare vorhanden bevor schliesslich auch diese ausbleiben, also das Stadium der Haarlosigkeit (Alopezie) eintritt. Welche Bereiche der Kopfhaut von einem solchen Haarverlust betroffen sind, unterscheidet sich je nach Geschlecht: Erstes sichtbares Anzeichen eines erblich-hormonell bedingten Haarausfalls beim Mann ist die Entstehung von «Geheimratsecken» oder «Ratsherrenecken», also das Zurückweichen des Haaransatzes an beiden Stirnseiten. Dem folgt ein allmähliches Lichten des Haares am höchsten Punkt des Schädels und der Scheitelregion. Im weiteren Verlauf gehen am Oberkopf nach und nach weitere Haare verloren, bis hin zur Haarlosigkeit. Typisch ist der Erhalt von Haaren in Form eines «Kranzes», der von den Schläfen bis einschliesslich zum Hinterkopf reicht. Bei der Frau dünnen im Stirnbereich und entlang des Mittelscheitels die Kopfhaare diffus aus. Häufig bleibt dabei eine schmale Haarlinie am Stirn-Haar-Ansatz erhalten. Praktisch nie kommt es jedoch zu einem völligen Verlust der Kopfhaare.
Entstehung von erblich-hormonell bedingtem Haarausfall
Die fachsprachliche Bezeichnung «androgenetische» Alopezie für erblich-hormonell bedingten Haarausfall gibt Hinweis auf dessen Entstehung: Zum einen wird die Veranlagung hierfür mit dem Erbgut weitergegeben, ist also bereits durch bestimmte Gene vorgegeben. Zum anderen sind sogenannte Androgene ursächlich am Haarausfall beteiligt. Androgene sind männliche Sexualhormone, die nicht nur im Organismus des Mannes gebildet werden, sondern – wenngleich in geringerem Masse – auch im weiblichen Körper. In Fällen von erblich-hormonell bedingtem Haarausfall bewirken bestimmte Androgene, dass sich die Wachstumsphase der Kopfhaare (Anagenphase) verkürzt. Ausserdem sorgen dieselben Hormone für ein Schrumpfen der zugehörigen Haarfollikel. Dies führt zu den oben beschriebenen Folgen: Das sichtbare Haar wird zunächst dünner und grau. Schliesslich kommt die Produktion neuer Haare komplett zum Erliegen. Der erblich-hormonell bedingte Haarausfall ist in der Regel nicht auf eine Störung des Hormonhaushaltes zurückzuführen, wie etwa einem abnormal erhöhtem Androgen-Spiegel. Vielmehr reagieren bestimmte Haarfollikel empfindlich und auf negative Weise auf körpereigene Androgene.
Für Interessierte genauer beschrieben: Das auslösende Androgen bei Männern ist Dihydrotestosteron, welches physiologisch aus Testosteron gebildet wird. Bei Frauen gelten vor Allem die Testosteron-Vorstufen Dehydroepiandrosteron und Androstendion als Verursacher der Haarfollikel-Störung.
Genetisch vorbestimmt ist bei erblich-hormonell bedingtem Haarausfall, in welchen Regionen der Kopfhaut die genannten Androgene ihre nachteilige Wirkung entfalten. Nur die Haarfollikel in diesen Arealen reagieren genetisch bedingt empfindlich und mit den beschriebenen Konsequenzen auf Androgene, während die verbleibenden Haarfollikel – siehe beispielsweise den aufrechterhaltenen «Haarkranz» bei Männern – keine erkennbare, negative Reaktion auf diese Hormone zeigen. Schlussendlich lässt sich zusammenfassen: Erblich-hormonell bedingter Haarausfall wird einerseits durch die individuelle genetische Veranlagung und andererseits durch die Wirkung körpereigener Androgene geprägt.
Wann sollte Haarausfall ärztlich untersucht werden?
Der weit verbreitete, erblich-hormonell bedingte Haarausfall bei Männern wird normalerweise nicht ärztlich behandelt. Ärztliche Beratung ist allerdings dann ratsam, wenn Kopfhaare in grosser Zahl, etwa als ganze Büschel ausfallen. Umso dringlicher ist ein Arztbesuch, sollte ein derartiger Haarverlust mit einem Juckreiz der Kopfhaut verbunden sein. Für eine eventuell erforderliche fachärztliche Behandlung von Haarausfall ist die Hautärztin oder der Hautarzt (synonym: Dermatologin oder Dermatologe) zuständig.
Eine mögliche Ursache für Haarausfall kann die Einnahme bestimmter Präparate sein: Zu den potenziellen Auslösern zählen Präparate zur Behandlung von Krebserkrankungen, Rheuma, Depression oder Herzproblemen, sowie Antibabypillen. Diffuser Haarausfall kann ein Anzeichen einer unerkannten Grunderkrankung oder einer andersartigen Gesundheitsstörung sein und sollte daher medizinisch abgeklärt werden. Bei Frauen mit erblich-hormonell bedingtem Haarausfall ist unter Umständen eine genauere medizinische Diagnostik nötig, so beispielsweise hinsichtlich einer Störung des Hormonhaushaltes oder einer anderen zugrunde liegenden Erkrankung.
Für Betroffene oft mehr als ein kosmetisches Problem
Viele der von androgenetischer Alopezie Betroffenen sind wegen des fortschreitenden Haarausfalls und der Befürchtung, dass dieser von ihren Mitmenschen bemerkt wird, äusserst besorgt. Mehrere Studien wiesen negative Auswirkungen des erblich-hormonell bedingten Haarausfalls auf das subjektive Körperbild nach. Zunehmender Haarausfall kann mit einem Verlust des Selbstwertgefühls, Depressionen, Introvertiertheit, Neurotizismus und dem Gefühl der Unattraktivität verbunden sein. Bei Frauen wiegen die psychosozialen Auswirkungen im Durchschnitt offenbar schwerer als bei Männern – nichtsdestotrotz können auch letztere hiervon erheblich betroffen sein. Mehr als 25 % der Männer mit androgenetischer Alopezie empfinden den Haarausfall als extrem beunruhigend und 65 % äussern mässigen bis moderaten Leidensdruck. Nicht zuletzt kann sich der Haarausfall auch auf die Wahrnehmung der Betroffenen durch andere Menschen auswirken.
Behandlungsmöglichkeiten
Vorrangiges Ziel einer Behandlung der androgenetischen Alopezie ist es, den Haarausfall zu bremsen, sowie das Schrumpfen der Haarfollikel – sofern noch möglich – rückgängig zu machen und so ein wiederkehrendes Haarwachstums einzuleiten. Im Einzelhandel sind unter anderem eine Reihe von Shampoos erhältlich, die nach Herstellerangaben das Haarwachstum fördern oder gar Haarausfall stoppen können. Laut DermatologInnen erfüllen solche Shampoos derartige Versprechen in der praktischen Anwendung jedoch nicht immer. Anders stellt sich die Situation bei Präparaten und Therapien dar, die gemäss wissenschaftlicher Erkenntnisse (z.B. anhand klinischer Studien) und Erfahrungen aus der Praxis von einem Expertengremium bewertet werden. Auf einer solchen Bewertung basierend sind seit einigen Jahren insbesondere zwei pharmazeutische Wirkstoffe für die Behandlung des erblich-hormonell bedingten Haarausfalls unter DermatologInnen als wirksam anerkannt: Minoxidil in Form einer bei Männern und Frauen lokal anzuwendenden Lösung, sowie das nur für Männer geeignete Finasterid in Form von Tabletten.
Minoxidil regt nachgewiesenermassen das Wachstum der Keratinozyten an (siehe „Allgemeines zum Haar“) und kann so den Haarwuchs fördern. Finasterid hemmt die Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron, das als Auslöser des erblich-hormonell bedingten Haarausfalls bei Männern gilt (siehe «Entstehung von erblich-hormonell bedingtem Haarausfall»). Unter bestimmten Voraussetzungen können ausserdem sogenannte Antiandrogene den Haarausfall bei weiblichen Betroffenen verringern. Als äusserste Massnahme, sozusagen «Ultima Ratio» gilt die kostenintensive Haartransplantation: Hierbei wird Eigenhaar inklusive der Haarfollikel vom Hinterkopf entnommen und an haarlosen Stellen wieder eingesetzt.
Bewertung von Experten für Dermatologie
Gemäss fachlich gesicherter Bewertung unabhängiger DermatologInnen* gelten folgende Empfehlungen:
Zweimal täglich, lokal 1 ml Minoxidil-Lösung (2-5 %) bzw. entsprechend ein halbe Kappe Minoxidil-Schaum (5%) zur Besserung oder Verhinderung eines Fortschreitens der androgenetischen Alopezie anwenden.
Zweimal täglich, lokal 1 ml Minoxidil-Lösung (2 %) oder eine halbe Kappe Minoxidil-Schaum (2%) zur Besserung oder Verhinderung eines Fortschreitens der androgenetischen Alopezie.
Hier erhalten Sie weitere Informationen zum Minoxidil-Präparat «ALOPEXY»®, sowie zu dessen praktischen Anwendung und Wirksamkeit.
*Ein Gremium internationaler Experten für Dermatologie, das für die europäischen «Leitlinie für die Behandlung der androgenetischen Alopezie bei Frauen und Männern» verantwortlich zeichnet.
Neben der „Produktion“ von Haaren erfüllen Haarfollikel weitere Funktionen: Da sie mit Nervenenden verbunden sind, ermöglichen Haarfollikel die Wahrnehmung von Berührungen oder Bewegungen des Haars, wie etwa durch Wind. Zudem sind Haarfollikel mit Talgdrüsen vergesellschaftet. Der ausgeschiedene Talg trägt dazu bei, dass Haare und Haut eine wasserabweisende Eigenschaft aufweisen. Nicht zuletzt können Haarfollikel ausserdem mittels unterschiedlicher biologischer Mechanismen zur Wundheilung und Regeneration der Haut beitragen.
Anzahl der Kopfhaare
Je nach natürlicher Haarfarbe variiert die durchschnittliche Anzahl an Kopfhaaren: Bei schwarzer Haarfarbe finden sich 100’000 Haare, bei brauner Haarfarbe 110’000 und bei blonden Menschen 150’000 Haare auf dem Kopf. Was die Haardichte angeht, fällt das menschliche Kopfhaar gegenüber dem Fell des Fischotters jedoch geradezu spärlich aus: Wachsen bei uns pro einem Quadratzentimeter Kopfhaut im Durchschnitt 200 Haare, weist der amphibisch lebende Marder bis zu 80’000 Haare auf gleicher Fläche seiner Haut auf.
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